Das Echo der Vergangenheit: Friedrich Merz, das geerbte Mantra und das politische Erdbeben in der CDU.TA
Es sind oft nur wenige Sekunden, die ausreichen, um die politische Tektonik eines ganzen Landes ins Wanken zu bringen. Ein Nebensatz, eine unbedachte Formulierung oder, wie im aktuellen Fall, die Wiederbelebung eines historischen Mantras, das tiefe emotionale Narben in der deutschen Gesellschaft hinterlassen hat. Auf dem jüngsten Parteitag der Christlich Demokratischen Union (CDU) ereignete sich ein Moment, der Beobachter, Parteimitglieder und die politische Konkurrenz gleichermaßen in ungläubiges Staunen versetzte. Friedrich Merz, der Parteivorsitzende, der angetreten war, um die Ära von Angela Merkel endgültig zu überwinden und die Partei wieder auf einen klar konservativen Kurs zu führen, trat ans Rednerpult und sprach jene drei Worte aus, die das Land seit 2015 wie kein anderer Satz gespalten haben: „Wir schaffen das.“
Ein Blick auf die exakten Worte, die in einem knapp 30-sekündigen Videoausschnitt im Netz rasant die Runde machen, offenbart die ganze Brisanz dieser Szene. Merz sagte wörtlich: „Und ich bin zuversichtlich, dass wir das gemeinsam in Deutschland auch wirklich schaffen können, noch einmal. Sonst stände ich nicht hier, sonst würde ich diese Aufgabe heute nicht ausfüllen und versuchen auszufüllen und zu übernehmen. Wir schaffen das, wir können das schaffen, wenn wir alle zusammenstehen und wenn wir wieder ein bisschen mehr an uns selbst auch glauben, liebe Freundinnen und Freunde.“ Diese Worte, getragen von einem eindringlichen, appellativen Tonfall, sollten offensichtlich eine Botschaft der Hoffnung, des Aufbruchs und der nationalen Geschlossenheit senden. Doch in der hochgradig emotionalisierten und polarisierten politischen Landschaft Deutschlands lösten sie sofort ein heftiges Beben aus.
Die Tatsache, dass ausgerechnet Alice Weidel, die Co-Vorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD), diesen Videoausschnitt über ihre Kanäle verbreitete, spricht Bände über die explosive Natur dieses rhetorischen Fehltritts – oder vielleicht auch dieses kalkulierten strategischen Schachzugs. Für die AfD und ihre Anhänger ist der Satz „Wir schaffen das“ untrennbar mit der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 verbunden. Er steht in ihren Augen für einen staatlichen Kontrollverlust, für eine grenzenlose Willkommenskultur und für all jene politischen Entscheidungen der Merkel-Regierung, gegen die sich die AfD als rechtspopulistische Kraft formiert hat. Dass nun der Mann, der sich selbst als Retter der konservativen Seele der CDU inszeniert hat, genau dieses Vokabular adaptiert, ist für die politische Konkurrenz am rechten Rand ein gefundenes Fressen. Es bedient perfekt das Narrativ der AfD, wonach die sogenannten „Altparteien“ ohnehin alle dasselbe Programm verfolgen und ein Wechsel an der Parteispitze der CDU nichts an der vermeintlichen Linksverschiebung der Union geändert habe.
Um die volle Tragweite dieses Moments zu verstehen, muss man tief in die Geschichte der CDU und die persönliche Historie von Friedrich Merz eintauchen. Merz war immer der Antipode zu Angela Merkel. Seine erste große politische Karriere fand in den frühen 2000er Jahren ein abruptes Ende, als Merkel ihn im parteiinternen Machtkampf ausbootete und den Fraktionsvorsitz übernahm. Merz zog sich daraufhin aus der aktiven Politik zurück, ging in die Wirtschaft, wurde ein hochbezahlter Anwalt und Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Deutschland. Doch der politische Ehrgeiz verließ ihn nie. Während Merkels fast ewiger Kanzlerschaft blieb Merz die Projektionsfläche all jener Christdemokraten, denen Merkels Kurs der Mitte zu sozialdemokratisch, zu grün und vor allem zu unkonservativ war. Der konservative Flügel der Partei sehnte sich nach einem Mann wie Merz, der wirtschaftsliberale Positionen mit einem klaren gesellschaftspolitisch konservativen Profil verband.

Als Merkel schließlich ihren Rückzug einleitete, war die Zeit für Merz gekommen. Doch sein Weg an die Parteispitze war ein quälender Marathon. Zweimal scheiterte er bei der Wahl zum Parteivorsitzenden – zunächst gegen Annegret Kramp-Karrenbauer, dann gegen Armin Laschet. Erst im dritten Anlauf, nach dem desaströsen Ergebnis der CDU bei der Bundestagswahl 2021, wählte die Basis ihn mit überwältigender Mehrheit zum neuen starken Mann. Sein implizites Versprechen an die Partei und die Wähler lautete: Mit mir gibt es kein „Weiter so“. Mit mir wird die CDU wieder eine scharfe Kante zeigen. Mit mir wird das Erbe von Angela Merkel kritisch aufgearbeitet und korrigiert. Merz positionierte sich als der Aufräumer, der die Union aus der ideologischen Unschärfe befreien sollte.
Und nun steht eben dieser Friedrich Merz vor seinen Delegierten und wiederholt das Mantra seiner einstigen Rivalin. Wie ist dieser dramatische Widerspruch zu erklären? Politische Analysten und Kommunikationsexperten diskutieren derzeit hitzig über die Motive hinter diesem Auftritt. Es gibt im Wesentlichen drei Erklärungsansätze, die alle ein unterschiedliches Licht auf den Zustand der CDU und die Strategie ihres Vorsitzenden werfen.
Die erste Theorie besagt, dass es sich um eine rhetorische Unachtsamkeit handelte. In einer Zeit, in der Deutschland von multiplen Krisen geplagt wird – einer stagnierenden Wirtschaft, einer maroden Infrastruktur, explodierenden Energiekosten und einer tiefgreifenden Verunsicherung der Bevölkerung durch globale Konflikte –, suchen Politiker nach Worten des Trostes und der Ermutigung. „Wir schaffen das“ ist isoliert betrachtet ein extrem kraftvoller, positiver und motivierender Satz. Er appelliert an die Selbstwirksamkeit einer Nation, an den kollektiven Willen, Schwierigkeiten zu überwinden. Es ist durchaus denkbar, dass Merz in dem Bestreben, eine mitreißende Aufbruchsstimmung zu erzeugen, unbewusst in eine sprachliche Schablone gerutscht ist, ohne in der Sekunde des Sprechens die historische toxische Aufladung dieser speziellen Wortkombination zu realisieren. Seine nachgeschobenen Worte, dass man es schaffen könne, „wenn wir wieder ein bisschen mehr an uns selbst auch glauben“, deuten darauf hin, dass es ihm primär um ein psychologisches Momentum, um ein Ende der deutschen Larmoyanz ging.
Die zweite, weitaus brisantere Theorie geht von einem eiskalten, strategischen Kalkül aus. Friedrich Merz weiß genau, dass Wahlen in Deutschland in der politischen Mitte gewonnen werden. Zwar hat er den konservativen Flügel der Partei befriedet und die CDU in Umfragen wieder stabilisiert, doch um Kanzler zu werden, muss er auch Wählerschichten erreichen, die ihm bislang skeptisch gegenüberstehen. Vielen Wählern der Mitte, insbesondere Frauen und jüngeren Menschen, gilt Merz oft als zu schrill, zu polarisierend, manchmal sogar als aus der Zeit gefallen. Indem er bewusst das berühmteste Zitat von Angela Merkel aufgreift, könnte er den Versuch unternehmen, eine Brücke zu den Anhängern der ehemaligen Kanzlerin zu bauen. Es wäre der Versuch einer sprachlichen Resozialisierung: Die Aneignung eines umstrittenen Begriffs, um ihm einen neuen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmen zu geben. Merz könnte damit signalisieren: Wir verleugnen unsere jüngere Geschichte nicht komplett, aber wir wenden den Optimismus von 2015 nun auf die Lösung der massiven wirtschaftlichen und strukturellen Probleme unseres Landes an. Es wäre ein rhetorischer Spagat von enormer Kühnheit, der jedoch die Gefahr birgt, die eigene treue Basis massiv zu verstören.
Die dritte Theorie beleuchtet die psychologische Ebene des Politikbetriebs. Es ist das Phänomen der unfreiwilligen Assimilation. Wer jahrelang gegen einen übermächtigen Schatten ankämpft, läuft Gefahr, irgendwann dessen Züge anzunehmen. Merz steht unter enormem Druck. Er muss beweisen, dass er nicht nur Opposition kann, sondern auch das Format eines Staatsmannes besitzt. Angela Merkel perfektionierte den asymmetrischen Wahlkampf und die sedierende, beruhigende Rhetorik. In Krisenzeiten sehnen sich die Deutschen oft nach genau dieser väterlichen oder mütterlichen Gewissheit. Merz, der eigentlich der Mann für die scharfe Attacke ist, versucht sich nun möglicherweise in der Rolle des integrativen Landesvaters. Dabei greift er auf das rhetorische Repertoire zurück, das die Kanzlerschaft vor ihm geprägt hat. Doch während Merkel den Satz 2015 in einer humanitären Ausnahmesituation prägte, versucht Merz ihn auf die allgemeine Sanierung des Wirtschaftsstandortes Deutschland zu übertragen.
Egal welche dieser Theorien zutrifft, die Auswirkungen dieses Auftritts sind massiv. Innerhalb der Union sorgt das Video für erhebliche Irritationen. Mitglieder der WerteUnion und des strikt konservativen Flügels fühlen sich an ihre schlimmsten Befürchtungen erinnert. Für sie war das Versprechen von Friedrich Merz ein klarer Bruch mit der Politik der offenen Grenzen und der als linksliberal empfundenen Ausrichtung der Merkel-Jahre. Wenn ihr Hoffnungsträger nun exakt denselben sprachlichen Code verwendet, schürt das Zweifel an seiner echten inhaltlichen Neuausrichtung. In Chatgruppen und lokalen Verbänden wird bereits heftig diskutiert, ob Merz vor den bevorstehenden Wahlen einknickt und seinen Kurs verwässert, um es dem Mainstream recht zu machen. Die Enttäuschung ist bei vielen greifbar, denn gerade die Abgrenzung zum Merkel-Mantra war für viele ein zentrales Motiv, der CDU wieder ihr Vertrauen zu schenken.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums reagiert man mit einer Mischung aus Spott und strategischer Freude. Wie bereits erwähnt, ist das Hochladen des Clips durch Alice Weidel kein Zufall, sondern ein hochprofessioneller Schachzug im digitalen Wahlkampf. Die AfD dominiert die sozialen Netzwerke und weiß genau, wie sie emotionale Triggerpunkte bespielen muss. Für die Rechtspopulisten ist dieses 28-sekündige Video wertvoller als monatelange Plakatkampagnen. Es ermöglicht ihnen, ihren Anhängern zu suggerieren, dass eine Stimme für die CDU letztlich eine Stimme für den Fortbestand der alten Verhältnisse sei. „Schaut her“, lautet die unausgesprochene Botschaft Weidels, „die Maske ist gefallen. Merz ist nichts anderes als Merkel im Maßanzug.“ In einer Zeit, in der die AfD in Umfragen stark dasteht und sich als einzig wahre Alternative zum Establishment präsentiert, ist ein solcher Steilpass der politischen Konkurrenz ein unschätzbares Geschenk.
Doch auch für die Parteien der aktuellen Regierungskoalition, die Ampel aus SPD, Grünen und FDP, ist der Vorfall von großem Interesse. Friedrich Merz macht sich angreifbar. Wenn er den Satz unabsichtlich gewählt hat, zeugt das von mangelnder rhetorischer Sensibilität und fehlendem historischen Bewusstsein – tödliche Schwächen für einen Kanzlerkandidaten. Wenn er ihn absichtlich gewählt hat, öffnet er Flanken in den eigenen Reihen, die die Regierungsparteien genüsslich ausbeuten können. Die SPD könnte argumentieren, dass die CDU unter Merz einen ziellosen Zickzackkurs fährt und nicht weiß, wofür sie wirklich steht. Die Grünen könnten darauf verweisen, dass Merz zwar die Rhetorik der Zuversicht übernimmt, aber inhaltlich keine konstruktiven Lösungen für die Transformation der Gesellschaft anbietet.
Interessant ist zudem die Betrachtung der medialen Resonanz und der Reaktionen der Bürger im Netz. Soziale Plattformen wie Facebook, X und Instagram sind förmlich explodiert. Die Debattenkultur zeigt sich dabei einmal mehr von ihrer unversöhnlichsten Seite. Während die einen Merz Heuchelei und Verrat vorwerfen, versuchen andere, seine Aussage zu relativieren und auf den neuen Kontext zu verweisen. Es entzündet sich eine metalinguistische Diskussion darüber, ob Worte für immer kontaminiert sein können. Darf ein Politiker in Deutschland nie wieder sagen, dass das Land eine Herausforderung meistern wird, nur weil eine bestimmte Kanzlerin vor über einem Jahrzehnt dieselben Worte in einem umstrittenen Kontext nutzte? Ist die deutsche Sprache derart durch historische Traumata vermint, dass jeder Versuch eines positiven Narrativs sofort im rhetorischen Minenfeld endet?
Diese gesellschaftliche Dimension geht weit über die Personalie Friedrich Merz hinaus. Sie zeigt ein Land, das extrem nervös und dünnhäutig geworden ist. Deutschland leidet unter einem massiven Vertrauensverlust in seine politischen Institutionen. Die Herausforderungen – von der Digitalisierung über den demografischen Wandel bis hin zum Umbau der Wirtschaft in Richtung Klimaneutralität – sind gigantisch. Um diese Mammutaufgaben zu bewältigen, bräuchte es in der Tat einen nationalen Kraftakt, einen starken Glauben an die eigenen Fähigkeiten. Merz hat dies in seiner Rede durchaus richtig erkannt, wenn er fordert: „…wenn wir wieder ein bisschen mehr an uns selbst auch glauben.“ Die Ironie der Geschichte will es, dass ausgerechnet der Versuch, diesen kollektiven Glauben zu beschwören, durch die Wahl der falschen Worte sofort wieder in Misstrauen und Spaltung umschlägt.

Was bedeutet dies nun für die politische Zukunft von Friedrich Merz und der CDU? Der Parteivorsitzende wird in den kommenden Tagen und Wochen massiv unter Beobachtung stehen. Er wird erklären müssen, wie dieser Satz gemeint war und wie er ihn vom historischen Kontext der Merkel-Ära abgrenzt. Er wird versuchen müssen, das Narrativ zurückzugewinnen und die Deutungshoheit über seine eigene Rede zu behalten. Das wird ein schwieriges Unterfangen, denn das Internet vergisst nicht, und das Video wird ihn bis zum Wahltag begleiten.
Gleichzeitig muss die CDU als Ganzes klären, wie sie mit ihrer eigenen Vergangenheit umgeht. Eine Partei, die ihre jüngste Historie nicht verarbeitet hat, sondern diese lediglich wie ein peinliches Familiengeheimnis totschweigt oder wütend ablehnt, wird immer wieder von den Geistern dieser Vergangenheit heimgesucht werden. Die Union muss eine Erzählung finden, die die unbestreitbaren Erfolge der Merkel-Jahre anerkennt, ohne die damals gemachten Fehler zu wiederholen oder zu glorifizieren. Nur so kann sie immun gegen die rhetorischen Fallen werden, in die ihr eigener Vorsitzender nun so spektakulär hineingetappt ist.
Für den Wähler bleibt am Ende das Bild eines Parteitags, der eigentlich Geschlossenheit und Angriffslust demonstrieren sollte, stattdessen aber vor allem durch einen Moment der rhetorischen Rückwärtsgewandtheit in Erinnerung bleiben wird. Es zeigt sich einmal mehr, dass Politik nicht nur aus Inhalten und Programmen besteht, sondern zu einem enorm großen Teil aus Symbolik, aus Emotionen und aus der Macht der Worte. Ein Politiker kann noch so brillante Konzepte vorlegen; wenn er nicht in der Lage ist, die Klaviatur der politischen Sprache fehlerfrei zu bedienen, wird er die Herzen der Menschen nicht erreichen – oder schlimmer noch, er wird sie in die Arme seiner schärfsten Kritiker treiben.
Die Debatte um den Auftritt von Friedrich Merz hat gerade erst begonnen. Sie wird in den Talkshows, an den Stammtischen und in den Kommentarspalten des Internets noch lange nachhallen. Es bleibt abzuwarten, ob dieser Moment als eine kurze Episode der Unachtsamkeit in die Geschichte eingehen wird oder als der fatale Wendepunkt in einem Wahlkampf, der von Nervosität und historischen Schatten geprägt ist. Eines jedoch hat Merz mit seinem Auftritt zweifellos bewiesen: Die Vergangenheit lässt sich nicht einfach per Parteitagsbeschluss abschütteln. Sie lauert stets im Hintergrund, bereit, im unpassendsten Moment wieder hervorzubrechen. Ob die CDU und ihr Vorsitzender diese Krise wirklich „schaffen“ werden, liegt nun allein in ihrer Hand. Das politische Deutschland hält den Atem an und beobachtet jeden weiteren Schritt mit Argusaugen.




