Ökonomin Ulrike Malmendier dringt auf ein Gespräch zwischen Katherina Reiche und Robert Habeck. Die Energiekrisen ähneln sich, sagt sie. In Berkeley zeigt sich bereits, wie gefragt Habecks Erfahrung ist.
München – Die Ökonomin Ulrike Malmendier hat einen direkten Austausch zwischen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und Ex-Minister Robert Habeck gefordert. Das sagte sie im Interview mit dem Stern. Beide seien mit denselben Krisen konfrontiert – und dieses Wissen dürfe nicht ungenutzt bleiben.

Strompreise viermal so hoch wie in Frankreich: Ökonomin warnt vor neuem Energie-Debakel
„Ich würde mir wünschen, dass Frau Reiche und Herr Habeck mal reden würden“, sagte Malmendier dem Stern. Die Krisen, mit denen beide konfrontiert seien oder gewesen seien, hätten „erstaunliche Ähnlichkeiten“. Schon wieder gehe es um explodierende Energiepreise, Unsicherheit, Versorgung und wirtschaftliche Anpassung. Malmendier lehrt an der Haas School of Business der Universität Berkeley. Dort ist auch Habeck derzeit tätig.
Die Ökonomin hat ihn bereits in ihre Vorlesung zu Krisenerfahrungen und Unternehmensführung eingeladen. Zusammen mit dem North America CEO von Mercedes-Benz und dem Chief Nuclear Officer von Urenco USA hätten sie „sehr engagierte Diskussionen“ geführt. Habeck sei in Berkeley „sehr gefragt“, so Malmendier. Viele Institutionen und Unternehmen wollten mit ihm über Krisenerfahrungen sprechen. „Deutschland kann es sich in dieser Lage nicht leisten, auf dieses Wissen zu verzichten“, sagte sie.
Habeck in Berkeley „sehr gefragt“: Ökonomin fordert – Reiche soll mit Ex-Minister reden
Der Hintergrund des Appells ist ernst. Die deutsche Wirtschaft steckt erneut in der Krise. Ökonomen haben ihre Wachstumsprognosen bereits halbiert. Auslöser ist der Nahostkrieg. Er hat die Gaspreise um mehr als 60 Prozent in die Höhe getrieben. Die Blockade der Straße von Hormus verschärft die Lage zusätzlich. Die Folgen sind im europäischen Vergleich deutlich sichtbar. Laut der Energiebörse EEX liegen die deutschen Strompreise für Mai viermal so hoch wie jene Frankreichs.
Malmendier sieht darin mehr als einen kurzfristigen Schock. „Unsicherheit ist Gift für Investitionen, für Konsum und damit für das gesamte Wachstum“, sagte sie dem Stern. Hinzu komme ein psychologischer Effekt: Verbraucher erlebten zum wiederholten Mal steigende Preise und schwindende Sicherheit. „Solche Erfahrungen graben sich tief ein“, so Malmendier. Staatliche Eingriffe zur künstlichen Dämpfung der Preise hält sie für den falschen Weg. Besser sei es, Verbrauchern direkt Geld auszuzahlen.
Reiche bricht Atomkraft-Tabu: Wirtschaftsministerin geht weiter als Kanzler Merz
Die Energiekrise zwingt Wirtschaftsministerin Reiche zu weitreichenden Entscheidungen. Sie plant noch in diesem Jahr Ausschreibungen für den Bau neuer Gaskraftwerke. Diese sollen spätestens 2031 in Betrieb gehen und als Backup dienen, wenn Solar- und Windenergie nicht ausreichen. Gleichzeitig bricht Reiche ein politisches Tabu.
Gegenüber der Financial Times forderte sie eine Neubewertung der deutschen Haltung zur Kernkraft. „Wir können sagen, dass wir wieder Interesse an dieser Technologie haben“, sagte Reiche. Zu den alten Reaktoren werde man jedoch nicht zurückkehren. Stattdessen verwies sie auf sogenannte Small Modular Reactors – Mini-Atomkraftwerke. Bereits im Juni 2025 hatte Reiche beim EU-Energieministerrat die Sitzung der europäischen Nuklear-Allianz besucht – statt am traditionellen Foto der „Friends of Renewables“ teilzunehmen. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte noch Mitte März erklärt, eine Rückkehr zur Atomkraft sei für die nahe Zukunft keine Option. Reiche geht damit weiter als ihr Kanzler.
Rauswurf aus Sachverständigenrat: Ökonomin schließt Zusammenhang mit Regierungskritik nicht aus
Malmendier selbst ist seit Kurzem nicht mehr Teil des Sachverständigenrats. Wirtschaftsministerin Reiche habe sich für einen anderen Kandidaten entschieden, sagte Malmendier. Einen direkten Zusammenhang mit ihrer Kritik an der Bundesregierung schloss sie nicht aus. „
Vielleicht ist es in einem politischen Umfeld, das stark in Lagern denkt, nicht immer die bequemste Rolle, wenn man sich nicht einem bestimmten Lager zuordnen lässt“, sagte sie. Den Abgang empfand sie als schmerzhaft. „Das hat mich schon traurig gemacht“, so Malmendier. Beim Abschiedsgespräch habe sie Reiche darauf hingewiesen, dass nun niemand mehr im Sachverständigenrat sitze, der Geldpolitik, Inflation und Geldwertstabilität als Forschungsschwerpunkt habe. „Ich halte das gerade in dieser Zeit für eine Lücke“, sagte Malmendier. Trotz des abrupten Endes zog sie eine positive Bilanz. Auf die Frage, ob sie als Ökonomin in Berlin gehört worden sei, antwortete sie: „Ja, sogar mehr, als ich ursprünglich erwartet hatte.“ (Verwendete Quellen: Stern, Financial Times, dpa)





