General Harald Kujat warnt vor Eskalation: Europa verliert Einfluss in Ukraine- und Iran-Krise!.T
General Harald Kujat warnt vor Eskalation: Europa verliert Einfluss in Ukraine- und Iran-Krise

Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr und ehemalige Vorsitzende des NATO-Militärausschusses, General Harald Kujat, hat in einem aktuellen Interview eindringlich vor einer weiteren Eskalation internationaler Konflikte gewarnt. In einem ausführlichen Gespräch erklärte der langjährige Militärstratege, Europa habe in der neuen Weltordnung der rivalisierenden Großmächte massiv an Einfluss verloren und sei zunehmend unfähig, eigene Interessen wirksam durchzusetzen.
Kujat kritisierte vor allem die außen- und sicherheitspolitische Handlungsunfähigkeit europäischer Staaten sowohl im Ukrainekrieg als auch im Konflikt zwischen Iran und westlichen Akteuren. Aus seiner Sicht sei es ein „katastrophales Versagen“, dass Europa trotz unmittelbarer Betroffenheit keine entscheidende Rolle bei Friedensbemühungen spiele.
Dabei stellte er klar: Frieden sei kein moralischer Wunsch, sondern eine strategische Notwendigkeit – gerade für Demokratien, deren Regierungen gegenüber der eigenen Bevölkerung verantwortlich seien.
„Generalkrieg“ und fehlende Kriegserfahrung: Kujat verweist auf Helmut Schmidt
Zu Beginn des Gesprächs wurde Kujat gefragt, was für ihn persönlich ein „Generalkrieg“ bedeute. Dabei erinnerte er an seinen langjährigen Mentor Helmut Schmidt, den ehemaligen Bundeskanzler. Schmidt habe wiederholt betont, dass persönliche Kriegserfahrung das Denken über Krieg grundlegend beeinflusse.
Nach Kujats Darstellung liege eines der Hauptprobleme der heutigen Politik darin, dass viele Entscheidungsträger keine eigene Kriegserfahrung mehr hätten und daher leichter über militärische Eskalationen sprächen, als es verantwortbar sei.
Kujat erklärte, er werde häufig gefragt, warum er als ehemaliger General so konsequent für Frieden argumentiere. Seine Antwort sei einfach: „Weil ich weiß, was Krieg bedeutet.“ Krieg sei vor allem Leid für die Zivilbevölkerung – und die Politik müsse sich an den Interessen und der Sicherheit der Menschen orientieren, nicht an ideologischen oder symbolischen Positionen.
Globale Spannungen und Rivalität der Großmächte
Kujat ordnete die aktuelle Weltlage in ein größeres geopolitisches Bild ein. Die Welt befinde sich in einer Phase wachsender globaler Spannungen, geprägt durch die Rivalität der drei großen Mächte: China, Russland und die Vereinigten Staaten.
Vor diesem Hintergrund sei der Ukrainekrieg nicht nur ein regionaler Konflikt, sondern Ausdruck einer umfassenden Neuordnung der internationalen Beziehungen. Europa stehe dabei vor der Herausforderung, auf einem eigenen Kontinent mit einem Krieg umgehen zu müssen, ohne über die notwendigen politischen und strategischen Instrumente zu verfügen, um diesen Krieg aktiv zu beenden.
Er betonte, es handele sich eindeutig um einen russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, während die Ukraine sich nach Artikel 51 der UN-Charta verteidige. Gleichzeitig kritisierte er, dass die Europäer es bislang nicht geschafft hätten, die Voraussetzungen für eine Friedenslösung zu schaffen.
Verteidigungsfähigkeit statt „Kriegstüchtigkeit“
In der deutschen Debatte wird seit Monaten über eine neue sicherheitspolitische Ausrichtung gesprochen. Schlagworte wie „Sondervermögen“, massive Aufrüstung, neue Rekrutierungsmodelle und die Forderung nach „Kriegstüchtigkeit bis 2029“ dominieren die Diskussion.
Kujat distanzierte sich deutlich von dem Begriff „Kriegstüchtigkeit“. Er spreche nicht von Kriegstüchtigkeit, sondern von Verteidigungsfähigkeit. Das Grundgesetz verpflichte Deutschland dazu, Streitkräfte zur Verteidigung aufzustellen. Diese Formulierung sei nicht nur symbolisch, sondern beinhalte die klare Verpflichtung, die Bundeswehr tatsächlich in die Lage zu versetzen, den Verteidigungsauftrag erfüllen zu können.
Nach Kujats Einschätzung sei die Bundeswehr jedoch seit vielen Jahren nicht mehr in der Lage, diesen Auftrag umfassend zu erfüllen.
Aussetzung der Wehrpflicht als strategischer Fehler
Ein zentraler Punkt seiner Kritik betrifft die Aussetzung der Wehrpflicht. Die Politik habe damals argumentiert, eine Wehrgerechtigkeit sei nicht mehr gegeben, weil nur ein kleiner Teil eines Jahrgangs eingezogen wurde.
Kujat widersprach dieser Begründung und erklärte, dass dieser Zustand bewusst herbeigeführt worden sei – unter anderem aus Spargründen. In seiner Zeit als Generalinspekteur seien noch rund 160.000 Wehrpflichtige pro Jahr eingezogen worden, später sei diese Zahl systematisch reduziert worden.
Als schließlich nur noch rund 17 Prozent eines Jahrgangs eingezogen wurden, habe die Politik erklärt, Wehrgerechtigkeit sei nicht mehr gewährleistet – und die Wehrpflicht ausgesetzt.
Heute, so Kujat, zeige sich jedoch klar: Ohne Wehrpflicht seien die aktuellen Ziele zur Wiederherstellung der Verteidigungsfähigkeit kaum erreichbar.
Bundeswehr-Reform 2011: Abkehr von Landesverteidigung
Kujat kritisierte außerdem die Bundeswehrreform von 2011, die unter dem Begriff „Neuausrichtung“ bekannt wurde. Diese Reform habe die Bundeswehr weg von der Landes- und Bündnisverteidigung hin zu Auslandseinsätzen ausgerichtet.
Die Konsequenz sei nicht nur eine Reduzierung der Truppenstärke gewesen, sondern auch eine strukturelle Umgestaltung, die eine schnelle Aufwuchsfähigkeit im Ernstfall erschwere. Reservisten seien nicht mehr so integriert worden, dass sie nahtlos die Verteidigungsfähigkeit hätten stärken können.
Kujat bezeichnete diese Entwicklung als dauerhaften Bruch des verfassungsrechtlichen Auftrags. Erst der Ukrainekrieg habe vielen Politikern vor Augen geführt, wie problematisch diese Entscheidungen gewesen seien.

Bedrohung durch Russland: Kujat fordert ehrliche Analyse
Im Zusammenhang mit der neuen Aufrüstungspolitik wird häufig behauptet, Russland könne ab 2029 in der Lage sein, Europa anzugreifen. Der Ukrainekrieg sei demnach nur die erste Etappe einer größeren Aggression.
Kujat sagte, man müsse eine Bedrohung immer aus zwei Elementen bewerten: der Fähigkeit und der Absicht. Während die Fähigkeit militärisch messbar sei, sei die Absicht politisch schwieriger zu beurteilen.
Er wies darauf hin, dass sich Bedrohungsanalysen zwischen europäischen Staaten und den USA unterscheiden. In den jährlichen Assessments amerikanischer Nachrichtendienste werde die Lage anders bewertet als in Europa.
Statt politische Narrative zu bedienen, müssten europäische Politiker ehrlich sagen: Die Reform von 2011 sei ein Fehler gewesen. Die korrekte Begründung für Aufrüstung sei nicht Panik, sondern die Erfüllung des Verfassungsauftrags.
Europa in der Ukraine- und Iran-Krise: „Handlungsunfähig“
Besonders scharf fiel Kujats Kritik an Europas Rolle in aktuellen Konflikten aus. Im Ukrainekrieg sei Europa seit über vier Jahren nicht in der Lage, den Krieg auf dem eigenen Kontinent politisch zu beenden.
Noch deutlicher werde dies im Iran-Konflikt: Länder wie Pakistan, Ägypten und auch China bemühten sich im Hintergrund um Deeskalation, während Europa an der Seitenlinie stehe.
Für Kujat sei dies ein Zeichen eines dramatischen Abstiegs. Europa spiele in der neuen Weltordnung keine Rolle mehr, obwohl die wirtschaftlichen Auswirkungen globaler Konflikte Europa teilweise stärker treffen könnten als andere Regionen.
Er warnte: Europa müsse nicht nur handeln, um Bürger zu schützen, sondern auch, um zu verhindern, dass regionale Konflikte zu weltweiten Kriegen eskalieren.
Kulminationspunkte und Eskalationsrisiken
Im Gespräch ging Kujat auf historische Eskalationsmuster ein. Kriege entwickelten häufig sogenannte Kulminationspunkte – Momente, in denen sich ein Konflikt plötzlich in eine neue Richtung bewegt und die Kontrolle verloren gehen kann.
Er unterschied zwischen vertikaler Eskalation, also einer Intensivierung bis hin zu nuklearen Risiken, und horizontaler Eskalation, also einer geographischen Ausweitung.
Gerade weil Nuklearmächte involviert seien, bestehe im Ukrainekrieg wie auch im Iran-Konflikt ein erhebliches Risiko, dass ein regionaler Krieg weltweite Konsequenzen nach sich zieht.
Kujat betonte, es sei Aufgabe der Politik, einen Krieg nicht der militärischen Dynamik zu überlassen. Politik dürfe nicht suspendiert werden. Kriege müssten durch ständige Lagebeurteilung kontrolliert und schließlich politisch beendet werden.
Völkerrecht unter Druck: „Regelbasierte Ordnung“ nur noch Rhetorik?
Ein weiterer Schwerpunkt war die Rolle des Völkerrechts. Kujat erklärte, dass sowohl bei der Entstehung als auch bei der Führung aktueller Kriege Regeln des internationalen Rechts zunehmend ignoriert oder so interpretiert würden, dass sie eigenen Handlungen dienen.
Er kritisierte Aussagen, wonach das Völkerrecht für bestimmte Akteure nicht gelten solle. Eine solche Entwicklung sei gefährlich, da das Völkerrecht ursprünglich dazu diene, Kriege zu verhindern und – wenn sie dennoch stattfinden – zu humanisieren und die Zivilbevölkerung zu schützen.
Besonders problematisch sei, dass der UN-Sicherheitsrat in beiden Konflikten weitgehend gelähmt erscheine. Resolutionen hätten kaum Wirkung entfaltet, Staaten hielten sich nicht daran.
Für Kujat ist das eine fundamentale Krise der internationalen Ordnung.
NATO und Europa: Warum kein Gipfel zur Konfrontation?
Kujat stellte die Frage, warum die NATO-Staaten nicht entschlossener reagierten, wenn ein Verbündeter internationales Recht verletze oder militärische Aktionen ohne Konsultation starte.
Er kritisierte, dass die NATO-Verbündeten vor bestimmten Entwicklungen nicht konsultiert worden seien, obwohl sie später unter Druck gesetzt würden, sich stärker militärisch zu engagieren.
Aus seiner Sicht hätte eine NATO-Gipfelkonferenz einberufen werden müssen, um klare politische Fragen zu stellen: Warum wurden Verbündete nicht konsultiert? Wie wird die Einhaltung des Völkerrechts bewertet? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?
Er nannte das Schweigen Europas verantwortungslos.
Nord Stream und fehlende Konsequenzen
Kujat äußerte sich auch zur Nord-Stream-Pipeline, deren Zerstörung massive wirtschaftliche Folgen für Europa und Deutschland hatte. Er bezeichnete den Angriff als „Terrorangriff“ und stellte fest, dass es bislang keine ernsthaften Konsequenzen gegenüber dem Angreifer gegeben habe.
Gleichzeitig werde Europa in eine wirtschaftliche Zwangslage gedrängt, während es den betroffenen Akteur weiterhin finanziell und materiell unterstütze.
Kujat verwies darauf, dass wirtschaftliche Belastungen in Deutschland – etwa Debatten über Renten-, Gesundheits- und Sozialreformen – auch als Folge dieser Entwicklungen betrachtet werden müssten.
Europas strategisches Defizit: Moral statt Interessen
Ein zentrales Fazit Kujats lautet: Europa müsse seine Politik stärker an Interessen ausrichten, nicht an Moral. Im zwischenstaatlichen Verhältnis seien Interessen entscheidend, ebenso wie die Fähigkeit, diese Interessen politisch, wirtschaftlich und notfalls militärisch durchzusetzen.
Europa habe es bislang nicht geschafft, ein stabiles Verhältnis zu China zu entwickeln, sei sicherheitspolitisch abhängig von den USA und habe den Kontakt zu Russland praktisch suspendiert.
Dadurch habe sich Europa selbst zum Spielball gemacht. Durch die bedingungslose Positionierung an der Seite der Ukraine seien europäische Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt worden.
Für Kujat ist das für einen Kontinent mit fast 500 Millionen Einwohnern nicht akzeptabel.

Selbstbehauptung Europas und Gleichgewicht der Kräfte
Kujat plädierte für eine europäische Selbstbehauptung. Europa müsse politisch, wirtschaftlich, technologisch und in Grenzen auch militärisch in der Lage sein, eigene Interessen gegenüber den Großmächten durchzusetzen.
Dabei verwies er auf die Strategie des Gleichgewichts der Kräfte. Wenn ein militärisches Gleichgewicht existiere, habe keine Seite ein Interesse an einem Angriff, weil das Risiko zu hoch sei.
Doch Gleichgewicht allein reiche nicht. Es müsse durch politische Maßnahmen stabilisiert werden: Dialog, Vorhersehbarkeit, Rüstungskontrolle, Abrüstung und vertrauensbildende Maßnahmen.
Der entscheidende Schritt sei, den Kontakt wiederherzustellen – auch mit Russland – um Absichten realistisch einschätzen zu können, statt nur auf Worst-Case-Szenarien zu reagieren.
Transformation als Daueraufgabe: Was Politik und Wirtschaft lernen könnten
In der letzten Passage des Interviews sprach Kujat über Entscheidungsprozesse. Transformation sei keine einmalige Reform, sondern ein dauerhafter Prozess. Militärische Planung müsse fähigkeitsorientiert sein, nicht systemorientiert.
Nicht die Frage „welches System besitzen wir?“ sei entscheidend, sondern „welche Fähigkeit brauchen wir?“ – und welches System diese Fähigkeit am besten bereitstellt.
Er erklärte, dass militärische Planung immer wieder überprüft werden müsse: Operationsplanung und Fähigkeitsentwicklung müssten regelmäßig zusammengeführt werden, um zu prüfen, ob die Strategie tatsächlich umsetzbar ist.
Kujat deutete an, dass diese Logik auch für Wirtschaft und Lieferketten gilt. Krisen wie der Iran-Konflikt könnten Lieferketten jederzeit beschädigen. Unternehmen und Staaten müssten dauerhaft auf Unterbrechungen vorbereitet sein.
Schlussfolgerung: Europas Zukunft entscheidet sich an Strategie und Diplomatie
General Harald Kujat zeichnet ein Bild Europas, das in einer gefährlichen geopolitischen Phase zwischen Großmächten zerrieben wird. Während China, Russland und die USA strategisch handeln, fehle Europa eine klare sicherheitspolitische Gesamtkonzeption.
Für Kujat ist die größte Gefahr nicht nur militärischer Natur, sondern politisch: Europa drohe die Fähigkeit zu verlieren, Konflikte aktiv zu gestalten, bevor sie eskalieren.
Sein Appell ist eindeutig: Europa müsse wieder Diplomatie beherrschen, Interessen definieren, Verteidigungsfähigkeit aufbauen und internationale Regeln verteidigen – bevor aus regionalen Konflikten ein globaler Krieg wird.










